Die Grundlagen

Warum Narrative wichtig sind

Wir verstehen die Welt durch Narrative – gemeinsame Deutungsrahmen, die prägen, wie wir Ereignisse interpretieren, Verantwortung wahrnehmen und welches Vorgehen wir für möglich und sinnvoll halten. Viele denken, dass Menschen die Welt zuerst analysieren und sich aus diesem Verständnis Narrative entwickeln. In Wirklichkeit läuft es aber meistens genau umgekehrt ab.

Der Narrativpsychologe Jerome Bruner beschreibt dies als zwei unterschiedliche existierende Denkweisen: Die eine ist analytisch: langsam, logisch und faktenbasiert. Die andere ist narrativ: schnell, kontextbezogen und sinnstiftend. Beide Formen des Denkens sind wichtig, doch das narrative Denken ist der Default. Denn analytisches Denken erfordert bewusste Anstrengung. Man könnte sagen, dass analytisches Denken für Menschen das ist, was Schwimmen für Katzen ist: Wir können es zwar, tun es aber nicht gerne.

Das bedeutet: Die Leute interpretieren Fakten, Daten und Erklärungen anhand von Narrativen, die sie sich bereits zu eigen gemacht haben. Passen Fakten zum verinnerlichten Narrativ, werden sie akzeptiert. Widersprechen sie diesem Narrativ jedoch, werden sie oft abgelehnt, umgedeutet oder ignoriert. Selbst wenn die Fakten an sich verstanden werden, lehnen Personen unter Umständen Massnahmen ab, die ihre Sichtweise der Welt, ihre Identität, Autonomie oder ihr Sicherheitsgefühl bedrohen.